Deichkind stand früher mal für Party und gute Laune. Auf ihren Konzerten hatte man einen Riesenspaß mit seinen Freunden und wildfremden Gleichgesinnten. Wie es scheint sind diese Zeiten nun vorbei den Spaß und Party sind Kommerz und Selbstinszenierung gewichen.
Im Vorfeld hatten schon viele meiner Freunde abgewunken als sie hörten, dass ich zu Deichkind nach Mannheim gehe. Und spätestens nach der Verlegung des Konzerts aus dem Kapitol in den Maimarktclub hätte ich wohl auch besserversucht meine Karte loszuwerden…
Beginnen wir beim Publikum: Ein bunt gemischter Haufen – was allerdings in diesem Fall überhaupt nichts positives bedeutet. Vom minderjährigen Emo-Mädchen, über die übergewichtige Black-Music-Discogängerin bis hin zum nicht minder vollschlanken Fußball-Hooligan waren alle Randgruppen vertreten. Besonders letztere viel mir gleich noch vor dem Konzert durch exzessives Pogo tanzen direkt in der Menge vor der Bühne auf bzw. in diesem Fall eher wildes um sich schlagen oder “wer den meisten Leuten um sich herum in den Rücken springt gewinnt”. Naja Deppen gibts überall denk’ ich mir und versuche sie so gut es geht zu ignorieren.
Endlich das Intro.. Ein unnötig langes Video zeigt wie die drei Deichkinder durch weiße sterile Gänge laufen. Da hätte Porkys Vorschlag definitiv mehr Stil gehabt und um einiges mehr Spaß gemacht. Das Warten auf den Beginn war dem offiziellen Fanclub des 1. FC Spatenhausen wohl zu viel, weswegen sie noch während dem Intro Stadiongesänge anstimmten. Ich dachte ich hör nicht richtig als wenige Sekunden später die ganze Halle (ohne Scheiß!) mitgröhlte. Geschätzte 2 Minuten vergehen bis es dann wirklich losgeht. Ich zitiere einfach mal den Spiegel..
Gerade erst war die öffentliche Generalprobe im Hamburger Theatersaal Kampnagel zum Auftakt der Deichkind-Tour [das Konzert im Maimarktclub Mannheim] mit einem dramatischen Intro gestartet: Zu blubbernden Beats schimmerten durch den weißen Gazevorhang die im Schwarzlicht leuchtenden Deichkind-Kostüme.
Und als nach dem Eröffnungssong “23 Dohlen” die ersten prägnanten Bässe des Hits “Remmidemmi” ertönen, reißt es die Fans von ihren Sitzen, [ja klar.. Sitze] sie jubeln und sie toben, die Security muss erste Ausbrecher in Richtung Bühne bändigen.
[...]
Wie das neue Remmidemmi allerdings auf dieser Tour aussehen wird, zeigt der Probeauftritt in Hamburg: Nacheinander schlurfen die Bandmitglieder Philipp, Porky und Neuzugang Ferris MC auf die Bühne und lümmeln sich gelangweilt auf rosa Sonnenliegen.
Und dann eben das. Stille.
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,593125,00.html
Konzert ist der falsche Ausdruck für diese Veranstaltung. Viel mehr war es eine Inszenierung à la Britney Spears oder Marilyn Manson die da abgezogen wurde. Eine Bühnenshow mit Backgroundtänzern vor und auf einem großen Podest welches wohl die neue Zitze sein soll… Stellenweise hab ich mir echt an den Kopf gegriffen.. Die zwei “Partypraktikantenzwillinge” auf der Bühne stellten homosexuelle Handlungen nach und einer der beiden zog später auch noch eine Travestieshow ab, wobei beides dabei vollkommen ins Lächerliche gezogen wurde..
Sicher gab es früher auch schon hier und da ein paar geplante Tanzeinlagen aber das lässt sich nicht mehr mit der aktuellen Bühnenshow vergleichen: Das gesamte Konzert ist von vorne bis hinten durchgeplant. Bei jedem Auftritt die gleiche Setlist. Hast dus einmal gesehn hast du alle gesehn, aber glaub mir.. Das eine Mal kannst du dir auch lieber sparen. Außer natürlich du gehörst zum oben genannten Personenkreis oder du gehst zum ersten Mal zu Deichkind. Dann kann man sichs mal ansehn.. Ich mein: Hey alda! Die kommen bei MTV! und Klingelton hab isch auch!
Bei Lied Nr. 2 erkämpfte ich mir einen Weg aus der verrückt gewordenen Masse. Was früher mal sympatisch wirkte – die Ekstase die man beim Tanzen zur fast hypnotisch wirkenden Musik empfand – war jetzt nur noch abstoßend und abartig. Sicherlich spielen dabei auch die neuen Stücke der norddeutschen Combo eine große Rolle. Hätte ich meine Konzertkarten nicht schon vor der Veröffentlichung des neuen Albums gekauft wäre es wohl nie zu diesem Abend gekommen. Ein solch starker Qualitätsabfall eines Folgealbums ist mir selten untergekommen. Einzig “Hört ihr die Signale” und “Arbeit Nervt!” haben entfernt etwas von dem was Deichkind einmal ausgemacht hat.
Wo wir schon beim nächsten Störfaktor wären.. Ferris tut der Band einfach nicht gut. Vielleicht hat Buddy auch einfach den Braten gerochen und sich deswegen verdrückt. Worauf Ferris dankend Einsprang – Geld machen sie ja jetzt schließlich mehr als genug, da kann man ruhig auch mal an der Qualität sparen. Vielleicht hat der arme Ferris an der jetzigen Misere gar keine Schuld, aber ins Bild der Band passt er trotzdem nicht, wobei welcher der drei Frontgestalten tut das denn noch? Früher vermittelten sie auf der Bühne Chaos und Anarchie, was sie auch heute noch in ihren Songtexten anpreisen. Jetzt haben sie den zickigsten Rapper aller Zeiten im Boot und ihre Konzerte sind durchgeplant – bin ich der Einzige, der hier einen Widerspruch entdeckt?
Der Gerechtigkeit halber muss man erwähnen, dass das Konzert gegen Ende besser wurde. Denn scheinbar hatte man noch keine Zeit um sich auch für die Zugabe eine dämliche Choreographie auszudenken, was das “Deichkindgefühl” wieder etwas in mir aufleben ließ. Das komplette Sortiment an alten Hits wurde herausgekramt von Bon Voyage bis Limit und das auch schön im Stil von früher – ohne nerviges herumtanzen und synchrones Schwingen von Regenschirmen: einfach nur Party. Aber die 15 Minuten konnten meine Enttäuschung leider auch nicht mehr wettmachen. Für mich war es wohl das letzte Konzert der Crew vom Deich.















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